Jeweils Mittwoch, 14:00 – 16:00 c.t., Raum 8.28

Beginn: 03.04.19 (14 Termine) 

Frühe Tondokumente stellen bisher als gesichert angenommene Erkenntnisse zur Interpretations- und Aufführungspraxis des 19. und 20. Jahrhunderts auf den Kopf: Erste Aufnahmen zeugen beispielsweise von extremen Tempo- und Rhythmusschwankungen, einer großen Spannbreite zwischen differenziert und nahezu durchgängig eingesetzten Vibrati, breiten Portamenti (selbst in Werken der „Wiener Klassik“), enormer Artikulationsvielfalt sowie scheinbar untergeordneter ‚Intonationssicherheit‘. Erst in den 1920er Jahren kommt es zu einer „interpretationshistorischen Wende“ (Lars Laubhold) – hin zu bis heute allgemein für ‚ästhetisch schön‘ befundenen Interpretationsentscheidungen. Welchen Anteil an diesen Wandel aber hatten die Tonaufnahmen selbst? Die ungewohnte Studiosituation übte nämlich enormen Einfluss auf die Interpretationspraxis von MusikerInnen aus: Zum einen wurden beabsichtigte Werkinterpretationen – trotz der rasanten technologischen Entwicklungen – noch bis in die 1970er Jahre hinein den begrenzten Möglichkeiten früher Aufnahme- und Wiedergabeverfahren untergeordnet.  Zum Anderen sind mit Tonaufnahmen erstmals (jederzeit verfügbare) Standards gesetzt, an denen InterpretInnen gemessen werden. Anhand ausgewählter Fallbeispiele von Joseph Joachim (1831-1907) über Leopold Stokowski (1882-1977) und Glenn Gould (1932-1982) bis hin zu Daniel Barenboim (*1942) soll im Seminar untersucht werden, inwiefern deshalb vielmehr von einer historischen Wechselwirkung zwischen Interpretationspraxis und Aufnahmetechnologie zu sprechen sein müsste. Dabei werden mit Eddie South (1904-1962), Edward „Duke“ Ellington (1899-1974) und Miles Davis (1926-1991) auch Analogien im Jazz sowie mögliche Querverbindungen zu ‚klassischen‘ InterpretInnen berücksichtigt. 


Zur Vorbereitung empfohlen: 


Elste, Martin und Schüller, Dietrich: Art. „Tonträger und Tondokumente“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite, neubearbeitete Ausgabe, hrsg. v. Ludwig Finscher, Sachteil 9, Kassel [u.a.] 1998, Sp. 646-678. 

Wicke, Peter: „Zwischen Aufführungspraxis und Aufnahmepraxis. Musikproduktion als Interpretation“, in: Camilla Bork, Tobias Klein, Burckhard Meischein, Andreas Meyer und Tobias Plebuch (Hrsg.), Ereignis und Exegese. Musikalische Interpretation – Interpretation der Musik. Festschrift für Hermann Danuser zum 65. Geburtstag, Schliengen 2011, S. 42–53.