Wie im KVV ausgedruckt, dort auch Literaturhinweise und Termine.

ANMELDUNG über MOODLE bis inkl. 1.4.2024

Bitte beachten Sie den Termin für die Blockveranstaltung am 1.5.2024 und die Terminierung der Hausarbeiten.

In Kooperation mit Prof. Hans-Peter Stenzl

Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, schrieb Theodor W. Adorno 1949 – eine Aussage, die auch auf das Musikleben und die Kompositionsgeschichte der Zeit ein Schlaglicht wirft. Denn der Zivilisationsbruch von Weltkrieg, Völkermord und Shoah mündete für Deutschland nicht nur in die militärische Niederlage und den politisch-ökonomischen Zusammenbruch, sondern auch in den moralischen und kulturellen Bankrott. Die Entschiedenheit, mit der in Literatur, Bildenden Künsten und Musik nach 1945 eine „Stunde Null“ proklamiert wurde, ist nur vor dem Hintergrund dieser Ereignisse verständlich. Sprachverlust und Sprach-(Wieder-)Findung, Traditionsbruch, Verdrängung oder auch die Suche nach einer neuen deutschen Normalität (im politischen Rahmen des Ost-West-Gegensatzes) blieben zentrale Motive der musikalischen Entwicklung mindestens bis in die 1970er Jahre.

Das Seminar nimmt einzelne Stationen und Positionen in den Blick: die Festivals in Darmstadt und Donaueschingen, die wechselvolle Rezeption von Hindemith, Strawinsky, Schönberg und Webern, „junge Komponisten“ wie Henze und Stockhausen oder den in Deutschland stark rezipierten Luigi Nono, aber auch mehr oder minder stark belastete Exponenten der älteren Generation wie Werner Egk, Carl Orff und Wolfgang Fortner, dazu die singuläre Gestalt eines Bernd Alois Zimmermann. Obwohl die Neue Musik im Mittelpunkt steht, werden auch traditionelle Positionen gestreift, dazu z.B. Volkslied, Schlager und Heimatfilm oder die Auseinandersetzungen um das musikalische „Erbe“ in der DDR, die sich vor allem an Hanns Eisler entzündete. Insgesamt wird eher ein kulturgeschichtlich-politischer Zugang gesucht, obwohl fallweise auch einzelne Werke im Mittelpunkt stehen. Nicht zuletzt soll im Anschluss an Adorno gefragt werden, warum die Musik „nach Auschwitz“ in so seltenen Fällen eine Musik „über“ Auschwitz gewesen ist – und welche Ausnahmen es gibt.

 

 

Zur Vorbereitung empfohlen: Inge Kovács, „Die Institution – Entstehung und Struktur“, in: Gianmario Borio / Hermann Danuser (Hrsg.), Im Zenit der Moderne. Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt 1946–1966, Bd. 1, Freiburg i.Br. 1997, S. 59–139.

 

 

Die Erprobung des Neuen.
Kompositionen für Streichquartett der 1920er Jahre

 

Dienstag, 20:15–21:45 Uhr, Raum 8.28 (einzelne Termine per Zoom möglich)

Beginn: 10. Oktober 2022

Begrenzte Teilnehmerzahl.

Verbindliche Anmeldung über Moodle bis einschließlich 8. Oktober 2023.

Kaum überschaubar ist die Fülle der Streichquartette, die während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Vor allem die sich in ihnen spiegelnden unterschiedlichen Strömungen und Stile machen es nahezu unmöglich, eine gattungsgeschichtliche Entwicklung unter vorwiegend satztechnischen Aspekten zu beschreiben. Im Seminar stehen daher einzelne Komponisten und ihre Werke (vorwiegend der 1920er Jahre) im Fokus. Darüber hinaus soll die Bedeutung des Streichquartetts auf den Musikfesten für zeitgenössische Musik (Donaueschingen und IGNM) sowie das von einzelnen Ensembles aufgeführte Repertoire erkundet werden.

 

Einführende Literatur:

•   Friedhelm Krummacher, Das Streichquartett, Bd. 2: Von Mendelssohn bis zur Gegenwart, Laaber 2003 (= Handbuch der musikalischen Gattungen Bd. 6/2).

•   Ludwig Finscher, Monument, Miniatur und mittlerer Weg. Zur Poetik des Streichquartetts in der ersen Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Das Streich­quartett in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Kgr.-Ber. Zürich 2001, hrsg. von Beat A. Föllmi, Tutzing 2004 (= Schriftenreihe der Othmar Schoeck-Gesellschaft Bd. 4), S. 15– 24.

•   Michael Kube, Innovation und Repertoire – Das Streichquartett der 1920er Jahre im Spiegel der Musikfeste, in: Das Streichquartett in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Kgr.-Ber. Zürich 2001, hrsg. von Beat A. Föllmi, Tutzing 2004 (= Schriftenreihe der Othmar Schoeck-Gesellschaft Bd. 4), S. 141 – 152.

Musikerbriefe. Lesen, edieren, kommentieren

Dienstag, 20:00–21.30 Uhr (erstmals am 28. März)

Raum 8.28 (oder online nach Ansage)

Begrenzte Teilnehmerzahl, nur für Hauptseminar-Scheine.

Verbindliche Anmeldung über Moodle bis einschließlich 27. März 2023.

Eine eintägige Exkursion ist angedacht.

Bei der Auseinandersetzung mit der Biographie, der Ästhetik und dem Schaffen von Komponisten wird gerne zu einer Briefausgabe gegriffen. Sie vermittelt auch nach Jahrzehnten und Jahrhunderten scheinbar Authentizität und birgt Informationen gleichsam aus ersten Hand. Doch nur selten fällt bei der Benutzung auf, dass kaum eine Ausgabe der anderen gleicht: Sie unterscheiden sich mitunter fundamental in den Editionsprinzipien und in der Anlage, über die Form der Kommentierung bis hin zum Layout (und vielfach auch in der Repräsentation als gedruckte oder digitale Ausgabe). – In diesem Hauptseminar begeben wird uns daher auf vielfältige Spurensuche: vom eigenen Lese- und Übertragungsversuchen alter Handschriften in Kurrentschrift und das Nachdenken über theoretische Konzepte, über den kritischen Vergleich unterschiedlicher Briefausgaben bis hin zur eigenen Kommentierung ausgewählter Briefdokumente. – Der benotete Leistungsnachweis erfolgt in einem Portfolio, bestehend aus in der Regel kleinen Aufgaben, die größtenteils zur direkten Vorbereitung (oder Nachbereitung) der Seminarsitzungen zu erbringen sind.

 

Literatur (Auswahl)

•   Rüdiger Nutt-Kofoth, Briefe herausgeben. Digitale Plattformen für Editionswissenschaftler und die Grundfragen der Briefedition, in: «Ei, dem alten Herrn zoll' ich Achtung gern’». Festschrift für Joachim Veit zum 60. Geburtstag, hrsg. von Kristina Richts, München 2016, S. 575–586.

•   Werner Breig, Zur Editionsgeschichte der Briefe Richard Wagners, in: Musikeditionen im Wandel der Geschichte, hrsg. von Reinmar Emans und Ulrich Krämer, Berlin 2015, S. 536–547 (= Bausteine zur Geschichte der Edition 5).

•   Brief-Edition im digitalen Zeitalter, hrsg. von Anne Bohnenkamp und Elke Richter, Berlin 2013 (= Beihefte zu editio 34).

•   Bodo Plachta, Edition und Bibliothek, in: Digitale Edition und Forschungs­bibliothek, hrsg. von Christiane Fritze, Franz Fischer, Patrick Sahle und Malte Rehbein, Wiesbaden 2011 (= Bibliothek und Wissenschaft 44), S. 23–36.

•   Der Brief – Ereignis & Objekt. Frankfurter Tagung, hrsg. von Waltraud Wiethölter und Anne Bohnenkamp, Frankfurt am Main 2010.

•   Digitale Edition zwischen Experiment und Standardisierung. Musik – Text – Codierung, hrsg. von Peter Stadler und Joachim Veit, Tübingen 2009 (= Beihefte zu editio 31).

•   Der Brief – Ereignis & Objekt. Katalog der Ausstellung im Freien Deutschen Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum 2008, hrsg. von Anne Bohnenkamp und Waltraud Wiethölter, Frankfurt am Main 2008.

•   Klaas-Hinrich Ehlers, Raumverhalten auf dem Papier. Der Untergang eines komplexen Zeichensystems dargestellt an Briefstellern des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 32 (2004), S. 1–31.

•   Komponistenbriefe des 19. Jahrhunderts. Bericht des Kolloquiums Mainz 1994, hrsg. von Hanspeter Bennwitz, Gabriele Buschmeier und Albrecht Riethmüller, Stuttgart 1997.

•   Klaus Hurlebusch, Divergenzen des Schreibens vom Lesen. Besonderheiten der Tagebuch- und Briefedition, in: editio 9 (1995), S. 18–36.

Bitte beachten Sie den Kommentar im KVV.

 

donnerstags, 11-13 Uhr c.t., Raum 8.28

Beginn: 06.04.2023

zusätzliche Blockveranstaltung am Samsztag, 24.06.2023, 9-19 Uhr, Raum 8.28

Die Teilnahme an der ersten Sitzung ist zwingend, weil in dieser Sitzung Grundlegendes besprochen wird, z.B. die Unterrichtstermine.

siehe KVV

Anmeldung bis 06.10.2022 über Moodle

Joseph Martin Kraus (1756–1792). Schwedens Mozart aus dem Odenwald

Dienstag, 20:15–21:45 Uhr, Raum 8.28 (einzelne Termine per Zoom)

Eine Tagesexkursion ist vorgesehen.

Beginn: 11. Oktober 2022

 Begrenzte Teilnehmerzahl.

Verbindliche Anmeldung über Moodle bis einschließlich 10. Oktober 2022.

«Kraus war der erste Mann von Genie, den ich gekannt habe. Warum musste er sterben?! Er ist ein unersetzlicher Verlust für unsere Kunst.» So erinnerte sich Joseph Haydn im Jahre 1801 an einen Komponisten, der in der Musikgeschichte allerdings kaum Spuren hinterließ. – Dass Joseph Martin Kraus (1756–1792) im selben Jahr wie Wolfgang Amadeus Mozart geboren wurde und auch nur wenige Monate nach diesem verstarb, brachte ihm zwar später die Bezeichnung als «schwedischer Mozart» ein. Vielen Zeitgenossen war Kraus jedoch kaum bekannt, im 19. Jahrhundert geriet sein kaum verbreitetes kompositorisches Schaffen gänzlich in Vergessenheit. Im Odenwald geboren und in Mannheim ausgebildet, studierte Kraus zunächst in Erfurt und Göttingen, bevor er Versprechungen folgte und nach Stockholm ging. Dort wurde er allerdings erst nach Jahren zum Hofkapellmeister ernannt, eine vierjährige (!) Reise durch Europa schloss sich an. 1792 wurde er Zeuge des Attentats auf König Gustav III. (ein historisches Geschehen, das später übrigens Verdi in seinem Maskenball verarbeitete, ohne allerdings Kraus zu erwähnen); die mit dem Begräbnis des Königs in Zusammenhang stehenden Kompositionen waren zugleich auch die letzten von Kraus. – Im Seminar zeichnen wir einzelne seiner musikalischen Stationen nach, beschäftigen uns mit der Ästhetik der Zeit («Sturm und Drang») und natürlich mit der Musik selbst (Sinfonien, Kammermusik, Vokalmusik, Oper).

Einführende Literatur:

•   Karl Friedrich Schreiber, Biographie über den Odenwälder Komponisten Joseph Martin Kraus, Buchen 1928, Neuausgabe, hrsg. von Helmut Brosch, Gerhart Darmstadt und Gerlinde Trunk, Buchen 2006.

•   Joseph Martin Kraus in seinen Briefen, hrsg. von Irmgard Leux-Henschen, Stockholm 1978 (= Musik in Schweden Bd. 4).

•   [Joseph Martin Kraus.] Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777, hrsg. von Friedrich Wilhelm Riedel, München 1977.

  • Donnerstag, 11–13 Uhr (c.t.)
  • Raum 8.28
  • Beginn: 13.10.

„La gare central“, den Hauptbahnhof Europas nennt der französische Maler Jacques-Émile Blanche die Stadt Paris im Jahr 1913. Tatsächlich ist Paris, die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin) zu dieser Zeit so international wie vielleicht kein anderer Ort. Und doch wird Internationalität in den Künsten und insbesondere der Musik hier immer nur in Ausschnitten realisiert bzw. als Teil einer komplexen Gemengelage aus nationaler Identität, kultureller Aneignung und Abgrenzung. So stehen anfangs die Debatten um die Herausbildung einer „nationalen Schule“ der Instrumentalmusik, der Faszination für Richard Wagner und der schmerzhaften Abgrenzung von ihm, der Inszenierung außereuropäischer Kulturen (z.B. auf den Weltausstellungen 1889 und 1900) als fremd und „exotisch“ im Vordergrund. Ein besonderer Fokus auf Russland (bis hin zu den Ballets russes) fällt nicht zufällig mit der politischen „Entente“ zwischen der Dritten Republik und dem Zarenreich zusammen. Der Erste Weltkrieg, „la Grande Guerre“, bildet auch in der Musik eine epochale Zäsur, die z.B. in den Debatten um „Les six“ und den Neoklassizismus der 1920er Jahren nachwirkt. Noch zehn Jahre später tritt eine junge Komponistengruppe unter dem patriotischen Namen „La jeune France“ auf den Plan. Erst nach 1945 bahnt sich eine vorsichtige Entspannung auch im Verhältnis zu (West-)Deutschland an: auf der musikalischen Landkarte stehen jetzt z.B. Verbindungen nach Darmstadt (im Zeichen der „Neuen Musik“) oder eine verbreiterte Achse Paris–New York.

Im Seminar besprechen wir zentrale Institutionen, „Schulen“ und Parteienkämpfe, wir lernen die Freude an der Polemik und Lagerbildung als eine (auch) französische Neigung kennen, die z.B. die berühmten „Ismen“ der Zeit zu verstehen hilft (Wagnerismus, Impressionismus, Exotismus, Klassizismus …), wir spannen einen weiten Bogen von Kompositionen und Komponisten wie César Franck, Vincent d’Indy, Claude Debussy, Igor Strawinsky, Darius Milhaud, André Jolivet, Olivier Messiaen bis hin zum jungen Pierre Boulez.

Die Teilnehmerzahl ist auf max. 24 Personen begrenzt, eine Anmeldung in „moodle“ ab Mitte September möglich.

Zur Vorbereitung empfohlen: 

Renate Groth, „Debussy und das ,Französische‘ in der Musik“, in: Sabine Ehrmann-Herfort/Ludwig Finscher/Giselher Schubert (Hrsg.): Europäische Musikgeschichte, Bd. 2, Stuttgart u.a. 2002, S. 943–982.

Dienstag, 20–21:30 Uhr (s.t.), Raum 8.28 (einzelne Termine nach Ansage per Zoom)

Beginn: 29. März 2022

Begrenzte Teilnehmerzahl.

Verbindliche Anmeldung über Moodle bis einschließlich 29. März 2022.

Wohl keine andere Gattung ist im 20. Jahrhundert stärker von historischen Vorbildern und aktuellen politischen Rahmenbedingungen beeinflusst worden als die Passion. Zugleich treten zugunsten einer freieren kompositorischen Gestaltung zusehends die liturgischen Vorgaben in den Hintergrund. Dieses doppelte Spannungsfeld spiegelt sich schließlich auch in einer faszinierenden Vielfalt (formal wie stilistisch) der Vertonungen wider. Die mit der Passion verbundenen Möglichkeiten des Komponierens sollen beispielshaft untersucht werden an den Werken von Kurt Thomas (1927), Hugo Distler (1923/33), Arvo Pärt (1982), Ernst Pepping (1951), Krzysztof Penderecki (1962/65), Sofia Gubaidulina (2000), Wolfgang Rihm (2000) und anderen.

 

Einführende Literatur:

•   Kurt von Fischer, Die Passion. Musik zwischen Kunst und Kirche, Kassel 1997.

•   Gottfried Grote, Der Weg zum „Passionsbericht des Matthäus“ von Ernst Pepping. Strukturelle Untersuchungen, in: Festschrift Ernst Pepping zu seinem 70. Geburtstag, hrsg. von Heinrich Poos, Berlin 1971, S. 57–83.

•   Kurt von Fischer, Zur Johannes-Passion von Arvo Pärt, in: Kirchenmusikalisches Jahrbuch 75 (1991), S. 133–138.

•   Ray Robinson, A Study of the Penderecki »St. Luke Passion«, Celle 1993.

•   Passion 2000. Programmbuch. Internationale Bachakademie Stuttgart, hrsg. von Ulrich Prinz, Kassel 2000 (= Internationale Bachakademie Stuttgart, Schriftenreihe Bd. 11).

•   Passion gedeutet. Europäisches Musikfest Stuttgart. Passion 2000. Vorträge, hrsg. von Ulrich Prinz, Kassel 2000 (= Internationale Bachakademie Stuttgart, Schriftenreihe Bd. 12).

•   Lutz Riehl, Neue Wege zur Passion. Die Passion Christi in der Musik der Gegenwart am Beispiel des Projektes Passion 2000, Marburg 2009 (= Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag. Reihe Musikwissenschaft Bd. 2).