WS 20/21: Nation und Nationalismus in der Musik von der Französischen Revolution bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Musikalisch konstituiertes Nationalgefühl, Zugehörigkeiten und Ausschließungen (PD Dr. Boris Voigt)

Die europäischen Nationen und Nationalstaaten integrierten und integrieren ihre Bevölkerungen auf verschiedenen ideellen und ideologischen Grundlagen (Sprache, Mythen, Kultur, Volk etc.). Darin unterscheiden sie sich sowohl untereinander also auch innerhalb der jeweiligen Nationen, die diese Grundlagen historisch wandelten und wandeln. Musik ist ein hervorragendes Instrument, sozial und gesellschaftlich Gemeinschaftlichkeit herzustellen, produziert dabei jedoch zugleich Ausgrenzungen. Ziel des Seminar ist es, die Funktionen von Musik für die Integration von Nationen (etwa Frankreich  – Großbritannien – Deutschland) hinsichtlich der verschiedenen, sich überlagernden politischen, gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen In- und Exklusionsmuster herauszuarbeiten.

Im Seminar werden die verschiedenen Aspekte der Thematik möglichst in vergleichender Perspektive behandelt. Dabei können einzelne Komponistenpersönlichkeiten im Fokus stehen, die für die Integration einer Nation besondere Bedeutung haben, etwa Händel in Großbritannien oder Beethoven in Deutschland. Ebenso können musikalischen Gattungen auf ihre Funktionen für die Erzeugung bzw. Bestätigung nationaler Zugehörigkeiten betrachtet werden oder Werke und Sujets, wie etwa für Frankreich der Vercingetorix-Stoff, dem sich mehrere französische Opern widmen, oder Wagners Meistersinger. Funktionale Musik, vor allem Nationalhymnen, sind ein weiteres Thema. Ebenso soll die Stellung der Musik in verschiedenen Nationaldiskursen untersucht werden.

 

Dienstag, 18 – 20 Uhr c. t., Raum 8.34

Beginn: 20.10.2020

 

Boris VoigtFrithjof Vollmer

Beethoven interpretieren – die Kammermusik

„Glaubt er, daß ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?“ So soll Beethoven seinen Freund, den (Quartett-)Geiger Ignaz Schuppanzigh zurechtgewiesen haben, als dieser sich über technische Schwierigkeiten beklagte. Dabei war Beethoven, der in Wien zunächst als glänzender Pianist Furore machte, bestens mit den Möglichkeiten und Grenzen der Streicher bekannt und konnte, wenn er wollte, durchaus „idiomatisch“ schreiben. Über diese Streicher- und Klavierpraxis seiner Zeit, über die Instrumente selbst und die Gepflogenheiten der Aufführung um und nach 1800 wissen wir heute sehr viel mehr als noch vor wenigen Jahrzehnten. Aber wie „historisch“ muss man Beethoven eigentlich spielen? Und wie werden wir weiterhin – über 200 Jahre später – dem „Geistigen“ gerecht, auf das Beethoven sich beruft? Wie finde ich im Ensemblespiel – mit einem Duopartner, im Trio, Quartett oder größerer Besetzung – ein gemeinsames, schlüssiges Konzept?

Die zahlreichen Aktivitäten der Streicher- und Klavierabteilung im Beethoven-Jahr geben Gelegenheit, das Hauptseminar enger als sonst an bestimmte Konzerte und Aufführungen anzubinden, insofern diese gegeben werden können. Mehrere KollegInnen (Conradin Brotbeck, Christine Busch, Tristan Cornut, Sabine Kraut, Stefania Neonato u.a.) haben ihr Kommen zu bestimmten Terminen zugesagt. Zum Semesterprogramm gehören auch Vorträge und Konzerte in der „Streicherwoche“ vom 7.–10. Mai (unter Vorbehalt). 

Die Zahl der aktiven TeilnehmerInnen ist begrenzt; um Voranmeldung wird gebeten (andreas.meyer@hmdk-stuttgart.de). 

Prof. Christine BuschProf. Tristan CornutProf. Dr. Andreas MeyerProf. Stefania NeonatoFrithjof VollmerFranziska KleinPhilip Wetzler

Musik und Musikpolitik im "Dritten Reich"

*BITTE IM GLEICHNAMIGEN KURS UNTER PROSEMINARE ANMELDEN!* 

Kann Musik „politisch“ sein? Mit Blick auf einen Abschnitt der deutschen (Musik-)Geschichte wird diese Frage besonders vordringlich: Wie „kaum ein anderer Staat der Neuzeit“ habe sich „der NS-Staat über Kunst und Kultur [...] zu artikulieren und zu legitimieren versucht“ (B. Sponheuer). Tatsächlich wiesen die Parteistrategen der NSDAP mit dem „Reichskulturkammergesetz“ von 1933 den Künsten eine explizit politische Funktion zu: Der Kunstschaffende wurde als „öffentlicher Amtsträger“ (H. Brenner) installiert und Hitler als „erster Künstler der deutschen Nation“ (P. Graener) verehrt. Bereits 1936 wurde dieser Vorgang von Walter Benjamin, der vor dem enormen Potential der massenmedientauglichen Künste zum Missbrauch für faschistische Propaganda zu warnen versuchte, als „Ästhetisierung der Politik“ beschrieben. Teilmoment dessen war auch die Förderung bis hin zur Unterdrückung und Zerstörung von KünstlerInnen-Biographien, insofern sie sich für die nationalsozialistische Ästhetik instrumentalisieren ließen. 

Ausgehend von den Ausstellungen „Entartete Kunst“ und „Entartete Musik“ (ab 1937/38) wollen wir im Seminar zunächst der sehr grundlegenden und kontrovers diskutierten Frage nachgehen, was an Musik überhaupt politisch sein kann, um anschließend Einblick in Kulturpolitik und Musikszenen während der NS-Herrschaft zu gewinnen. Die Funktion von Musik für die Machthaber sei, so Carl Dahlhaus bereits 1984, dabei weniger in der Kompositions-, sondern vielmehr in der Interpretations- und Rezeptionsgeschichte nachzuvollziehen: Musikgeschichte im „Dritten Reich“ wäre demnach zu großen Teilen die Geschichte von Werkinterpretationen, Musikerinnen und Musikern, Konzert-, Opern- und FilmhausbesucherInnen und nicht zuletzt von Radio und Tonträgerindustrie. Insbesondere wäre jedoch auch die zu Propagandazwecken in besonderem Maße geeignete deutsche „U-Musik“-Szene – von der Operette bis hin zu (staatlich installierten) Jazz-Bands – in den Blick zu nehmen, sowie auch die Rolle der deutschen Musikwissenschaft. 


Das Seminar wird im team teaching von zwei Dozierenden betreut und kann wahlweise als Haupt- oder Proseminar angerechnet werden. Der Leistungsnachweis wird für die Übernahme einer Themenpatenschaft, eine mündliche Leistung hierzu sowie für eine Hausarbeit (HS: 15–25, PS: 8–12 Seiten) mit Abgabe bis zum 12. Oktober 2020 vergeben. Die Zahl der Plätze im Seminar ist auf 20 begrenzt. Um Voranmeldung über das E-Learning („Moodle“) sowie zusätzlich via Mail an frithjof.vollmer@hmdk-stuttgart.de wird gebeten. 

 

Zur Vorbereitung empfohlen:

  • Bernd Sponheuer, Art. „Nationalsozialismus“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite, neubearbeitete Ausgabe, hrsg. v. Ludwig Finscher, Sachteil 7, Kassel u.a. 1997, Sp. 25–43. 
  • Eckhard John, Musikbolschewismus. Die Politisierung der Musik in Deutschland 1918–1938, Stuttgart / Weimar 1994. 
  • Albrecht Dümling, Entartete Musik. Dokumentation und Kommentar zur Düsseldorfer Ausstellung von 1938, Düsseldorf 31993.

 

Frithjof Vollmer