Das 19. Jahrhundert ist die Epoche der Aufwertung und Übersteigerung der Tonkunst zur „absoluten Musik“ einerseits, zum „Musikdrama“ andererseits. War noch für Kant ungewiss, ob die Musik nicht eher zu den „angenehmen Künsten“ gehöre (Seite an Seite mit der Kochkunst), ist sie für Schopenhauer gerade aufgrund ihrer begrifflichen Unschärfe die höchste aller Künste überhaupt – nur der Komponist offenbart das innerste Wesen der Welt. Andererseits sehen zum Beispiel Wagner und Liszt nach 1850 diese „romantische“ Unbestimmtheit zwiespältig und suchen einen engeren Anschluss der Musik an die Dichtkunst bzw. das Drama.

Die Vorlesung thematisiert die ganze Spannbreite musikalischer Genres und Stilhöhen: Neben Symphonie und Musikdrama stehen die weniger strikten Gattungen des Instrumentalkonzerts (verbunden mit der Frage der Virtuosität) und des Lieds, aber auch die Chormusik, die italienische Oper und die französische Operette, schließlich Salon- und Tanzmusik. Andere Schwerpunkte betreffen die Kammermusik mit ihrem zwiespältigen Verhältnis zum öffentlichen Konzert, den Künstlermythos des 19. Jahrhundert oder auch die Emanzipation „nationaler“ Stile.

Die wohl brisantesten Entwicklungen auf dem Gebiet der musikalischen Interpretation betreffen die Kammermusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach heutiger Kenntnis ist es keineswegs damit getan, z.B. Schubert oder Brahms auf historischen Instrumenten zu spielen. Praktische Ausgaben der Zeit, Instrumentalschulen oder frühe Tonaufnahmen geben Einblicke in eine „fremde Welt“ – eine Spielkultur, die sich von der aktuellen Praxis erheblich unterscheidet. Zugleich deutet alles darauf, dass die Idee der (nahezu) identisch wiederholbaren und makellosen Interpretation selber „unhistorisch“ ist. Besucher von Brahms bewunderten die „wundervolle Sorglosigkeit“ seines Spiels. Und eine Gattung wie das Streichquartett ist seit der Wiener Klassik nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine soziale Idee gewesen – ein musikalischer Diskurs unter „vier vernünftigen Leuten“, wie Goethe so unnachahmlich geschrieben hat. Was bleibt davon im Zeitalter von Studioästhetik, soundfile und YouTube?

Die Musikhochschulen Stuttgart und Karlsruhe veranstalten zu diesem Thema im Sommersemester 2017 eine gemeinsame Ringvorlesung. „Kammermusik der Romantik“ meint das Repertoire vom späten Beethoven bis zum frühen Schönberg. Zur Diskussion gestellt werden neue Erkenntnisse z.B. zur Sanglichkeit der instrumentalen Kammermusik, zum Gebrauch von Portamenti und geräuschhaften Anteilen im Spiel, zur „Distanzkommunikation“ mit dem Publikum und zur Repertoireerweiterung. Die öffentlichen Vorträge werden durch Konzerte bzw. praktische Demonstrationen sowie zwei Praxis-Tage (in Stuttgart und Karlsruhe) er- gänzt.

Termine (immer dienstags, 18.15 Uhr, die Vorträge im OPR)

  • 04.04.: Einführung / Aufteilung der Gruppen (Anna Bredenbach / Andreas Meyer, OPR) 
  • 18.04.: Hauptvortrag I: Matthias Wiegandt
  • 02.05.: Hauptvortrag II: Andreas Meyer
  • 16.05.: Hauptvortrag III: Thomas Seedorf
  • 30.05.: Hauptvortrag IV: Friedrich Platz
  • 17.–18.06: Praxis-Tage, u.a. mit Clive Brown und Siegfried Eipper (am 17. in Stuttgart, am 18. in Karlsruhe; Busfahrt nach Karlsruhe wird organisiert)
  • 27.06.: Podiumsdiskussion

Die Vorträge, die beiden Praxis-Tage und das abschließende Panel sind prinzipiell öffentlich. Zum Erwerb von Leistungsnachweisen (nach Art einer üblichen Vorlesung) belegen Studierende zusätzlich eine Einführung (am 4. April) sowie in den „vortragsfreien“ Wochen zum gleichen Termin ein Tutorium in zwei Gruppen (Anna Bredenbach und Andreas Meyer).